Yana Rishe und die Zumutung des Unsterblichen
In einer Zeit, in der Bayern seinen Abiturienten den Faust erspart, tritt eine Münchener Malerin an und fragt: Was, wenn das die falsche Entscheidung war?
Yana Rishe hat keine Angst vor dem Kanonischen. Während die offizielle Kulturpolitik Goethes Lebenswerk still aus den Lehrplänen tilgt, antwortet sie mit Farbe, Gold und einem Furor, der sich gewaschen hat. Ihr Faust Projekt – 2024 in der Städtischen Galerie Schwabach mit dem ersten Teil begonnen – weitet sich nun auf den Faust II aus, diesen zähen, spekulativen, philosophisch überhitzten zweiten Akt der deutschen Seelentragödie, den selbst treue Goethe-Leser gern überblättern. Yana Rishe blättert nicht. Sie malt.
Wer ihre Bilder betritt, weiß sofort, dass hier niemand Distanz übt. Keine kühle Konzeptkunst, kein ironisches Augenzwinkern. Stattdessen: Sinnlichkeit ohne Entschuldigung. Überladene Kompositionen in warmen Tönen, durchzogen von jenem sakralen Gold, das in der zeitgenössischen Malerei eigentlich als verdächtig gilt – zu dekorativ, zu ernst, zu wenig gebrochen. Bei Yana Rishe ist es das Gegenteil von Dekoration. Es ist Diagnose. Das Gold markiert die Spannung zwischen menschlicher Zerbrechlichkeit und dem unstillbaren Drang, über sich hinauszuwachsen – jene faustische Grundspannung, die Goethe beschäftigte und uns, ob wir wollen oder nicht, nach wie vor umtreibt.
Hinter der verführerischen Oberfläche lauert immer die Irritation. Das ist das eigentliche Handwerk dieser Künstlerin: Sie lockt mit Schönheit und verunsichert mit Bedeutung.
Fünf Themenfelder hat Rishe aus dem Faust II herausdestilliert, und man muss sagen: Sie trifft.
Der Homunkulus, Goethes im Labor erschaffenes Menschlein, wird zur KI-Parabel – drei holografische Kinder, die aus einer schwarzen Spiegelfläche aufsteigen, als atmeten sie, als beobachteten sie uns. Wesen zwischen Geburt und Bewusstsein, erzeugt aus dem digitalen Ozean unserer Gegenwart. Goethe hätte, man darf es vermuten, verstanden, was gemeint ist.
Helena, die ewig Bewunderte, die ewig Benutzte, trifft bei Rishe auf Eva – und gemeinsam werden sie zur Befragung aller Schönheitsideale, die Gesellschaften je über Frauen verhängt haben.
Mephistopheles steht nicht für das Böse schlechthin, sondern für etwas Lästigeres: die Mechanismen, durch die Angst, Unreife und Gruppendruck Menschen in Ideologien treiben, die sie allein nie gewählt hätten.
Spiegelnde Figuren bevölkern Rishes großformatige Gemälde und verweisen auf eine Gesellschaft, die sich ständig selbst reflektiert und vervielfältigt und einer Illusion des Wertes unterliegt. Eine Kaleidoskop-Installation verwandelt eine einzelne Münze in scheinbar unendlichen Reichtum. Die Arbeiten hinterfragen die Entstehung von Wert und die Macht kollektiver Illusionen.
Und ein Kurzfilm mit Schauspielern nimmt sich den kosmischen Streit zwischen Gott und Teufel vor – nicht um ihn zu entscheiden, sondern um ihn als das sichtbar zu machen, was er ist: eine philosophische Dauerbaustelle, auf der jeder Mensch irgendwann steht.
Yana Rishes Figuren sind, man kommt um diese Formulierung nicht herum, Reisende zwischen den Zeiten. Sie gehören nirgendwo ganz hin, wirken entrückt und dennoch erschreckend nah. In einer Kulturlandschaft, die nach Eindeutigkeit und schneller Einordnung verlangt, ist das ein politischer Akt: das Schweben im Ungewissen als ästhetisches Programm.
Der Illusionist ist deshalb mehr als eine Ausstellung über einen alten Text. Es ist ein Angebot – oder vielleicht eine Zumutung – zur Neugier auf das Ererbte. Goethes berühmte Zeile, Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen, klingt bei Yana Rishe nicht nach Schullektüre. Sie klingt nach Gegenwart.
Ausstellungsdauer im Stadtmuseum Schwabach: 29. Juli – 20. September 2026
Geöffnet mittwochs bis sonntags 10-18 Uhr.
Eröffnung 29. Juli 2026, 19 Uhr, im Stadtmuseum Schwabach
Yana Rishe
1979 geboren in Votkinsk, Ural Gebirge Region in Russland | Staatliche Kunstakademie UdGU, Izhevsk, Russland (Diplom in Bildhauerei, Malerei, Kunstpädagogik) | Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Prof. Norbert Prangenberg
2005 – 2013 Arbeit als Konzert Musikerin europaweit | 2013 – 2020 lebt und arbeitet in Israel, im Atelier Florentin, Tel Aviv | seit 2020 lebt und arbeitet in München
Preise und Sammlungen
2023 Kunstpreis der Stadt Schwabach – Jurypreis der „Ortung 13“ | 2007 Preis und Ausstellung beim BMW Wettbewerb „Die Welt“ mit einer dauerhaften Installation der Skulptur „Glaswesen“
Ausstellungen (Auswahl)
Galerie Kauffman Nördlingen | Städtische Galerie Schwabach (solo) | Jüdisches Museum Franken | Ortung 13 Schwabach | Galerie Eisiger (solo) | Villa Oberried, Murnau (solo) | Urban Gallery Tel Aviv, Israel | Cuckoo`s Nest Galerie, Tel Aviv, Israel | Stadtsparkasse, Marl. Deutschland (solo) | „Cubeshow“ Herten Deutschland | Art Space Jaffa Galerie, Tel Aviv, Israel (solo)| 2013 Gan Ha Eer galerie, Tel Aviv, Israel (eingeladen von Bürgermeister von Tel Aviv) (solo) | Bar Antiquität, München (solo) Richter & Masset Galerie, München | Stable Gallery, Wien, Österreich (solo) | Korean Contemporary Art Festival, Seol, Süd Korea | Art Seefeld Galerie, Zürich | Jorg Heitsch Galerie, München | A-s-p-a-c-e Gallery, München (solo) | Kunsthaus, Köln Goeritz 10 Galerie, München | Glass Museum, Rattenberg, Österreich (g.A) Kunstprojekt für BMW Welt (Gewinnerin) | Erzting Stiftung Glass Museum, Gösfeld | Glass Museum, Coburg
Ausstellungen
Jahresprogramm 2026
3D-Rundgang der Mitgliederausstellung 2022
Video zur Mitgliederausstellung 2025 (YouTube)
Stadtkirche Schwabach
Öffnungszeiten
täglich von 9 - 18 Uhr
Stadtmuseum Schwabach
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr